Die Glocken

Bis zum 8. August 1917 hingen in dem Glockenstuhl des Kirchturmes im ganzen fünf Glocken. Als Läuteglocken dienten jedoch nur die drei größten; die dritte schlug gleichzeitig die vollen Stunden. Über den Läuteglocken hingen dann die beiden kleinen, von denen die eine (Nr. 4) von alters her als „Pengelglocke“ vormittags eine Viertelstunde vor Schulanfang angeschlagen wurde. Hierfür musste die Stadtkasse jährlich 50 Mark zahlen. Die kleine Glocke diente der Kirchenuhr zum Anschlagen der Viertelstunden.

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1. Die größte, an weitesten nach Osten hängende, maß in der Höhe 1,05 m im unteren Durchmesser 1,44 m, ihr Gewicht betrug 1585 kg. Die Umschrift lautet: „Gegossen 1765, umgegossen von J.J. Radler Söhne, Hildesheim. Die Lebenden rufe ich zum Hause des Herrn, die Toten geleite ich zur ewigen Ruhe.“ ‑ Die Krone der Glocke bildeten 6 betende Engelsgestalten. Auf der Glocke befanden sich zwei Medaillons, Petrus und Paulus darstellend.

2. Die zweitgrößte Läuteglocke maß in der Höhe 0,85 m, in Durchmesser 1,16 m. Die Inschrift lautete: „Ehre sei Gott in der Höhe. Uns goss J.J. Radler Söhne, Hildesheim 1882.“ Auch bei dieser Glocke war die Krone durch 6 Engelsgestalten gebildet, das Medaillonbild stellt Johannes den Täufer dar. Das Gewicht betrugt 810 kg.

3. Die dritte Läuteglocke maß in der Höhe 9,77 m, im Durch­messer 1 m. Ihr Gewicht betrugt 616 kg. Die Inschrift lautete: „Wer aus Gott ist, der höret Gottes Wort. Salzuflen im Jahre 1900.“ Das Medaillonbild zeigte Christus am Kreuze.

Alle drei Glocken waren am unteren Rande durch Laubgewinde verziert.

4. Wohl die älteste Glocke – sie soll aus der alten Kilianskirche in Schötmar stammen und einst in der ersten Salzufler Kapelle bereits gehangen haben; sie maß in der Höhe 0,86 m, im unteren Durchmesser 0,71 m und wog 270 kg. Die Inschrift, in altertümlichen Buchstaben ausgeführt, war mehrfach beschädigt und sehr schwer zu entziffern. Sie lautete, so weit man sie feststellen kann: „Gott sy mit uns, wer kan wedder uns. M. Jos. Henbom Bartolfus hat mith Johan Froge Finnen Anno ... (nicht leserlich.) Zwischen den Buchstaben sind noch bärtige Männer und vollbusige Frauen in regelmäßigem Wechsel ein geschoben.

5. Die kleinste Glocke maß in der Höhe 0,40 m, im unteren Durchmesser 0,52 m; ihr Gewicht betrugt 101kg. Die Inschrift lautete: „Anno 1763 M. Hinrich Fricke.“ Der obere Rand trug reiches Blät­terornament.

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Gefallen für den Krieg: Die Glocke Nummer zwei grub sich nach dem Sturz vom Turm zum Teil ins Erdreich ein. Die Glocke Nr. 2 nach dem Sturz vom Turm

Eingeschmolzen für die Rüstung

Im dritten Jahr des Ersten Weltkriegs wurden aus Mangel an anderem Bronzemetall sämtliche Kirchenglocken seitens der Behörden beschlagnahmt, und es mussten alle Glocken mit Ausnahme einer Läuteglocke und derjenigen Glocken, welche einen besonderen Geschichts‑ oder Kunstwert besaßen abgeliefert werden. Dieser Bestimmung fielen auch unsere Glocken sämtlich mit Ausnahme der größten (Nummer 1) zum Opfer.

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Durch eins der beiden an der Nordseite liegenden Schalllöcher wurde nun am 7. und 8. August eine Glocke nach der anderen mittels eiser­ner Schienen nach außen geschoben und heruntergestürzt. Merkwürdigerweise kamen sie fast alle unbeschädigt unten an; nur der Glocke Nummer 2 war durch Anstoßen an das Eisengitter ei­ner der Engelsköpfe abgebrochen; auch grub sich diese Glocke etwa einen halben Meter tief in die Erde ein, während die folgenden Glocken nur wenig in den Erdboden einsanken.

Die allein noch übrig gebliebene größte C-Glocke diente un­serer Gemeinde in Freud und Leid bis zum 3. November, wo sie einen alten Salzufler Bürger, dem Kirchenältesten Conrad Barkhausen, das letzte Geleit gab.

 

Auch die letzte Glocke nicht mehr zu gebrauchen

Zunächst bestand einige Hoffnung, durch Hinzukauf zweier kleinerer Bronzeglocken den alten, fröhlichen C ‑ Durdreiklang C‑E‑G wiederherzustellen. Bei der großen Gebefreudigkeit un­serer Gemeindeglieder hätten die außerordentlichen Kosten kein unüberwindliches Hindernis gebildet.

Leider stellten sich aber bei gründlicher Prüfung der vorhandenen Glocke zwei erhebliche Mängel heraus; unter anderem war der Ton nicht ganz rein. Infolgedessen war keine der in Betracht kommenden Glockengießereien bereit, eine Garantie für Schaffung eines harmonischen Geläutes zu übernehmen. So mussten wir die Schaffung eines völlig neuen Geläutes in das Auge fassen.

Zur Wahl standen Schillingsche Klangstahl und Bochumer Gussstahl-Glocken. Erstere waren wenig empfehlenswert wegen ihres außerordentlich hohen Gewichtes und großen Durchmessers. So entschied sich der Kirchenvorstand nach langen, ernsten Beratungen für ein Geläut aus Bochumer Gussstahl. Ausschlaggebend waren bei diesen Entschluss folgende Feststellungen des Glockensachverständigen Professor Biele-Charlottenburg:

„Stahlglocken von kleinerem Durchmesser, also höheren Tone klingen nicht immer gut; je tiefer der Schlagton, desto schöner der Klang einer Stahlglocke.“- Als Gesamturteil über das Verhältnis der Stahlglocke zur Bronzeglocke kann gesagt werden: „In der Höhe ist die letztere durchaus überlegen; in der Mittellage sind die beiden einander gleichwertig; in der Tiefe überragt die gutgegossene Stahlglocke ihre Schwester aus Bronze. Die neueste Stahlgusskunst ist imstande, Stahlgeläute herzustellen, die völlig frei von jeder Herbheit des Klanges, ja von so rundem, vollem und weichem Tone sind, dass beim Zusammenläuten mit Bronzeglocken ein Unterschied nicht festzustellen ist. Das Wogen und Wallen der Tonmasse der Bronzeglocken wird ersetzt durch die Größe des Tones und die majestätische Ruhe im Klange des Stahlgeläutes.

Noch ein weiterer Fortschritt ist letzthin erzielt worden: Man kann jetzt mit mathematischer Sicherheit vorausberechen nicht nur den Schlagton, den eine zu gießende Glocke haben soll, sondern auch die ganze Reihe der mitklingenden Nebentöne., welche dem Geläut seine Majestät verleihen. Die früher weit verbreitete Meinung, die Stahlglocke sei nur ein minder guter Ersatz für Bronzeglocken, ist nach dem allen heut durchaus überholt und abgetan. Die Fachleute sind, nachdem der Stahlguss zu so hohem Grade der Vollkommenheit gelangt ist, des Lobes voll über das, was auf diesem Gebiete Wissenschaft und Technik in engsten Zusammenwirken erreicht haben.“

Diese Feststellungen fand der Kirchenvorstand durchaus bestätigt bei einen vom Bochumer Verein veranstalteten Probeläuten.

Die riesigen Maße unseres Turmes legten uns bei der Wahl der Töne keine Schranken auf. So konnten wir mit dem vorhandenen Geläut der lutherischen Gemeinde hier eine Glockengemeinschaft bilden durch Wahl der Töne A ‑ C ‑ D.

Einige Angaben über Maße und Gewichte der neuen Glocken:

  1. Die größte A-Glocke hat einen unteren Durchmesser von 2 m, eine Höhe von 1,75 m, ein Läutegewicht von 85 Centnern.
  2. Die mittlere C-Glocke. Durchmesser 1 ¾ m, Höhe 1,48 m, Läutegewicht 48 ½ Centner.
  3. Die kleine D-Glocke. Unterer Durchmesser 1 ¼ m Höhe 1,31 m, Läutegewicht 35 Centner.

 

Autor: Gustav Krumme
Aus: Festschrift »600 Jahre Stadtkirche Bad Salzuflen«

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